Samstag, 3. April 2010

Durch das Europaviertel beim Stuttgarter Hauptbahnhof


Das Europaviertel unmittelbar im Norden des Stuttgarter Hauptbahnhofs ist ein Teil des großen Verkehrs- und Städtebauvorhabens Stuttgart 21. Der Name Europaviertel leitet sich davon ab, dass alle Straßen und Plätze in diesem neuen Stadtquartier nach europäischen Hauptstädten benannt sind oder noch benannt werden. Die planerische Bezeichnung des Gebiets ist A1.

Das Gebiet ist noch längst nicht vollständig bebaut. Und es wird wohl noch eine geraume Zeit dauern, bis in diesem Gebiet zwischen der Heilbronner Straße, der Wolframstraße und den bestehenden Eisenbahnanlagen ein urbaner Eindruck vorhanden ist. Die bereits fertiggestellten Teile des Gebiets kann man bei einem kleinen Rundgang erkunden.


Ausgangspunkt für den Stadtspaziergang ist der Nordausgang des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Dort dominiert das Gebäude der Hauptverwaltung der Landesbank Baden-Württemberg. Dieses Gebäude wurde als erstes auf dem A1-Gebiet errichtet (1989-1994). Das Gebäude macht einen wuchtigen, fast erdrückenden Eindruck und versperrt gleichzeitig die Sicht auf die dahinter liegenden Bereiche des Entwicklungsgebiets. Der Platz vor dem Gebäude strahlt die Nüchternheit, ja Kühlheit heutiger Platzanlagen aus. Eine Aufenthaltsqualität hat der Platz nicht. Jugendliche betreiben dort ihren Skateboard-Sport. Hier kann man eine Vorahnung davon bekommen, was die Stuttgarter noch mit den anderen vielen geplanten Plätzen des Städtebauvorhabens erwartet.


Man hält sich nun rechts des Gebäudes der Landesbank und geht auf dem Karoline-Kaulla-Weg zwischen dem Landesbankgebäude und den Bahnanlagen entlang. Der Komplex des Landesbankgebäudes ist riesig und durch mehrere Innenhöfe gegliedert. Die Innenhöfe sind noch das Beste des Gebäudekomplexes. Sie bilden später den Schluss des Spaziergangs. Die zum heutigen Gleisbereich zeigenden Fassaden des LBBW-Gebäudes sind monoton und einer Innenstadt unwürdig. Sollte das Verkehrsprojekt Stuttgart 21 tatsächlich einmal zum Abschluss gebracht werden können (frühestens in 10 Jahren) würden nach dem Abriss der Gleisanlagen rechts des Karoline-Kaulla-Wegs ebenfalls Gebäude entstehen.
Hinter dem LBBW-Gebäude hat man im Verlauf der Carl-Etzel-Straße (nur für Fußgänger) einen Durchblick nach oben bis zur Heilbronner Straße. Das hinten sichtbare ockerfarbene Gebäude macht den gefälligsten Eindruck. Dieses Gebäude befindet sich jedoch bereits jenseits der Heilbronner Straße und gehört nicht mehr zum Europaviertel. 
Nach dem folgenden Gebäude, das ebenfalls zur LBBW gehört und 2001-04 fertiggestellt worden ist, blickt man die Warschauer Straße aufwärts ebenfalls bis zur Heilbronner Straße. Die Warschauer Straße ist auch den Fußgängern vorbehalten. Markant rechts im Hintergrund ist das 18geschossige Hochhaus, ebenfalls zur LBBW gehörend. Am Ende der Warschauer Straße sieht man gerade noch den neuen Bürobau Z-Up jenseits der Heilbronner Straße.
Bei der Einmündung Warschauer Straße ändert sich der Name des immer geradeausführenden Wegs von Karoline-Kaulla-Weg in Athener Straße. Der Athener Straße (bisher ist eine eigentliche Straße jedoch noch kaum erkennbar) folgt man weiter, bis nach links die Osloer Straße abzweigt. Der Osloer Straße (nur Fußgänger) folgt man leicht bergauf bis zum Pariser Platz, der auf dem Bild oben mit dem LBBW-Hochhaus zu sehen ist.
Die Osloer Straße stellt zur Zeit die Grenze der fertiggestellten Bebauung des Europaviertels dar. Der Blick nach Norden zeigt Brachgelände. Man muss tatsächlich ein wenig den Eindruck relativieren, dass Stuttgart eine Bau-Boomtown ist. Die Landeshauptstadt Stuttgart selbst sowie auch teilweise die Presse versuchen diesen Eindruck ja immer weiter am Leben zu erhalten. So gibt es eine Internetseite stuttgart-baut.de, auf der alle großen Bauprojekte der Landeshauptstadt vorgestellt werden und die den Eindruck einer ungeheuer dynamischen Stadt vermitteln soll. Auch eine große Zeitung aus Stuttgart hat erst vor wenigen Wochen wieder eine große Serie über den  Bauboom in der Stadt begonnen. Vielleicht hofft man, dass sich dieser Bauboom mit dem Erscheinen der Serie einstellen wird. 

Was das Europaviertel oder A1-Gebiet betrifft, kann von einem eigentlichen Bauboom keine Rede sein. Bis heute haben hier nur die öffentliche Hand bzw. Unternehmen, die der öffentlichen Hand nahestehen, gebaut  Und das Gelände steht nun seit fast 20 Jahren zur Bebauung an. Wenn wir Glück haben, beginnen unmittelbar nach Ostern 2010 die Bauarbeiten für das erste wirklich private Bauvorhaben (auf dem Bild oben ist das Gelände zu sehen) im Geviert zwischen der Osloer Straße, der Lissaboner Straße, der Kopenhagener Straße und der Athener Straße.

Also besonders berühmt ist es nicht, was sich an baulichen Aktivitäten abspielt. Dabei reisen der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart mit Mitarbeitern nun seit ca. 10 Jahren alljährlich zu den Immobilienmessen nach Cannes und nach München, um für dieses Gebiet und die Landeshauptstadt Stuttgart allgemein zu werben. Anscheinend mit wenig Erfolg. Seit nunmehr ca. 15 Jahren müssen die Stuttgarterinnen und Stuttgarter und die Bahnreisenden nach und von Stuttgart diese riesige Brachfläche in bester Innenstadtlage ertragen.

Ich habe bei gelegentlichen Reisen durch Europa schon den einen oder anderen richtigen Bauboom gesehen (da braucht man Dubai gar nicht erst zu bemühen). Unvergessen der Blick in den Achziger Jahren von der Baustelle des Milchbucktunnels in Zürich auf die innere Stadt und einen Wald aus ca. 50 Kränen. Oder die Fahrt vom Flughafen Barcelona in Richtung Pyrenäen durch das Llobregattal in den Neunziger Jahren und ein kilometerlanges Defilee an Kränen zu beiden Seiten des Tals. Selbst wenn man heute mit dem Zug von München-Pasing zum Hauptbahnhof München fährt, hat man den Eindruck, dort stünden ein Vielfaches an Kränen als in der Stuttgarter Innenstadt.
Aber setzen wir den Spaziergang fort. Vom Pariser Platz aus führt die noch nicht begehbare Moskauer Straße weiter nach Norden. Rechts im Bild ist der Rohbau der Bibliothek21 (auch ein Bauvorhaben der öffentlichen Hand) gerade jetzt im April 2010 fertig geworden. 9 Stockwerke befinden sich über Straßenniveau und weitere unterhalb.
Auf dem obigen Bild blickt man vom Pariser Platz aufwärts zur Heilbronner Straße. Hier erkennt man auch einen wichtigen städtebaulichen Aspekt, den das Europaviertel beinhaltet. Wurde bisher der Höhenunterschied zwischen der Heilbronner Straße und den Gleisanlagen durch eine hohe Mauer überbrückt, soll das Gelände zukünftig langsam und gleichmäßig steigen bzw. fallen. Hierzu sind gewaltige Aufschüttungen erforderlich. Im Hintergrund jenseits der Heilbronner Straße sind das neue Z-Up - Gebäude links und das Geno-Hochaus rechts.
Auf dem Bild oben sieht man rechts noch einmal die Bibliothek 21, aber auch noch etwas ganz anderes in der linken Bildhälfte unten. Hier heißt es ganz genau hinzuschauen. Man sieht die Öffnung eines der beiden Tunnels für die Stadtbahn Stuttgart (Linie U12), die mit der neuen Haltestelle Budapester Platz das Europaviertel erschließen soll. Die Tunnelröhren sind unter der Bibliothek bereits gebaut worden. Konstruktiv sind die Tunnel mit dem Gebäude der Bibliothek 21 nicht verbunden. Das hätte zu große Erschütterungen und elektromagnetische Beeinflussungen zur Folge. Das Gebäude der Bibliothek 21 wurde separat um den Tunnel herumgebaut.
Über die Osloer Straße erreicht man die Heilbronner Straße. Dort wendet man sich nach links und gleich noch einmal nach links und geht die auf dem Bild oben sichtbare Warschauer Straße wieder abwärts bis zum Pariser Platz.
Der Pariser Platz macht ebenfalls einen ziemlich nüchternen Eindruck. Da ändert auch der im Vordergrund sichtbare Brunnen nicht viel. Für einen späteren Zeitpunkt ist geplant, Läden in die Erdgeschosse der Gebäude einzubauen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das Europaviertel weiter bebaut wird und die Passantenfrequenz zunimmt.

Heute ist die Passantenfrequenz über den Wochenverlauf hinweg sehr unterschiedlich. Zu den Bürostunden und während der Mittagspause und zu Bürobeginn und Büroschluss sind viele Angestellte im Gebiet unterwegs. Während der übrigen Zeit wird man kaum einen Fußgänger antreffen.
Vom Pariser Platz geht  man die Straße "Am Hauptbahnhof" weiter und unter dem großen, die Straße überbrückenden Dach hindurch.
Auf dem Bild kann man erkennen, wie die Straße "Am Hauptbahnhof" teilweise als Brücke verläuft. Die Gebäude im Hintergrund verdienen wahrlich keinen Schönheitspreis. Es gibt Gewerbegebiete, in denen solche Gebäude nicht zulässig wären. In der rechten Bildhälte hat die Landesbank die Fundamente für ein weiteres Hochhaus bereits gebaut. Der Bebauungsplan für das Gebiet hat ein Hochhaus jedoch aus Klimaschutzgründen an dieser Stelle abgelehnt. Ich hielte ein Hochhaus an dieser Stelle für sinnvoll und jedenfalls besser als die heute vorhandene langweilige Vorstadtarchitektur.
Das gerade kritisierte Gebäude lohnt einen Besuch nicht. Deshalb biegt man in die Carl-Etzel-Straße nach links ab und geht gleich darauf wieder nach rechts in die Innenhöfe des LBBW-Gebäudes aus dem Jahr 1994. Dies ist der vielleicht überraschendste und angenehmste Teil des Spaziergangs. Am Ende der Innenhöfe erreicht man wieder den Nordausgang des Hauptbahnhofs.         


Hier gibt es eine Übersicht über den Stadtbezirk Stuttgart-Mitte. Von dort sind alle Artikel in diesem Blog, die sich mit dem Stadtbezirk Stuttgart-Mitte befassen, verlinkt.


     
     

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