Donnerstag, 2. Februar 2012

Auf den Spuren von Heinrich Schickardt in Stuttgart (Teil 1)


Mit dem heutigen Post startet ein neues Themenfeld in diesem Blog mit dem Label "Baumeister".  

Wohl zu keiner anderen Zeit war das Unbehagen mit der zeitgenössischen Architektur so groß wie heute. Das gilt für ganz Deutschland. Aber es gilt für Stuttgart in besonderem Maße. Selbst das ganz Wenige an guter Architektur, das die Zerstörungsorgien der vergangenen Jahrzehnte noch übrig gelassen haben, ist jetzt nicht mehr sicher. Das zeigt der skandalöse Abriss des Hauptbahnhof-Südflügels in diesen Tagen.

Dabei sehnen sich die Menschen nach guter Architektur. Das zeigen die Touristenmassen, die durch noch vermeintlich intakte Ort wie Venedig oder irgendein Bergdorf in Mallorca`s Serra de Tramuntana pilgern. In verschiedenen deutschen Städten gibt es Bestrebungen, zerstörte Gebäude wiederaufzubauen, zum Beispiel in Berlin mit dem Stadtschloss oder in Frankfurt/Main, wo gleich eine ganze gotische Häuserzeile wiederaufgebaut werden soll.

Bis es in Stuttgart soweit ist, dass man vom modernen Architektur-Banausentum Abschied nimmt, sehen wir uns in diesem Blog einmal an, was von den Werken der großen Baumeister heute noch übrig ist. Und den Anfang macht Heinrich Schickardt, der Hofbaumeister des württembergischen Herzogs Friedrich I., einer der größten Baumeister der Renaissance, der schwäbische Leonado da Vinci. 

In diesem Post und in einem folgenden Post im März 2012 suchen wir nach Spuren von Heinrich Schickardt in Stuttgart, in den folgenden Monaten spüren wir Heinrich Schickardt dann in den Landkreisen der Region Stuttgart nach.

Der erste Ort der heutigen Spurensuche ist in Stuttgart-Stammheim. Hierzu geht es mit der Stadtbahnlinie U15 bis zur Endstation in Stammheim. Man verlässt die Haltestelle auf der stadteinwärtigen Seite und wendet sich nach links in die Kornwestheimer Straße. Nach ca. 170 Metern befindet sich auf der rechten Straßenseite das Schloss Stammheim.  Das 1579 -1581 erbaute Schloss Stammheim gilt als das erste Werk von Heinrich Schickardt. Er war damals gerade 21 Jahre alt.            
Runder Treppenturm beim Schloss Stammheim: dieses architektonische Element findet sich bei vielen Gebäuden aus der Renaissancezeit.
An der Seite der Stammheimer Straße des heute als Alten- und Pflegeheim genutzten Gebäudes befindet sich eine Tafel, die auf die Kulturstraße Heinrich Schickardt des Europarats hinweist. Diese durch weite Teile Württembergs und einige Teile des Elsaß, die zu Lebzeiten Heinrich Schickardts zu Württemberg gehörten, führende Straße ist ein Indiz für die europäische Bedeutung Heinrich Schickardts.
Blick auf die Stirnseite einer der beiden Seitenflügel des Schlosses Stammheim. Das Sichtfachwerk des Giebels wurde bei einer grundlegenden Gebäudesanierung in den Jahren 1976-78 wieder freigelegt. Dieses Architekturelement findet sich auch bei einigen anderen Gebäuden Heinrich Schickardts. Man bezeichnet es als Württembergischen Heimatstil. 
Nun geht es mit der U15 zurück in die Stuttgarter Innenstadt bis zur U-Haltestelle Schlossplatz. Man geht nun wenige Meter die Königstraße aufwärts in Richtung Wilhelmsbau. Hinter dem Buchaus Wittwer biegt man nach rechts in eine zunächst namenlose Straße ab (Früher hieß diese Straße Kanzleistraße). Man überquert bzw. unterquert dann die Theodor-Heuss-Straße und kommt zum großen Prachtbau des Landesgewerbeamts (links der Straße). Unmittelbar vor diesem Bau befindet sich auf der linken Straßeseite eine Stele, die an das ehemalige Wohnhaus von Heinrich Schickardt erinnert.  
Die Stele wurde zum 450. Geburtstag von Heinrich Schickardt am 12. Februar 2008 aufgestellt. An dieser Stelle stand bis zum Jahr 1944 das ehemalige Wohnhaus von Schickardt. Die Straße hieß bis zum Zweiten Weltkrieg Kanzleistraße. Ein Portalrest des ehemaligen Hauses ist noch erhalten. Er steht jetzt im Städtischen Lapidarium in der Mörikestraße. Das Lapidarium hat nur in den Sommermonaten geöffnet.   
Nun geht es zurück zur Köngistraße. Dort wendet man sich ganz wenige Meter nach links, dann sofort nach rechts, um durch den Tordurchlass im Prinzenbau zum Schillerplatz zu gelangen. Der Schillerplatz gilt als die einzige Platzanlage Stuttgarts, die nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs fast originalgetreu wiederhergestellt worden ist. Der Schillerplatz war ein Werk Heinrich Schickardts. Herzog Friedrich I. beauftragte Schickardt mit der Anlage des repräsentativen Platzes zwischen dem Alten Schloss (damals gab es das heutige Neue Schloss noch nicht) und der Stiftskirche. Zunächst einmal mussten zahlreiche Häuser der Stuttgarter Altstadt abgerissen werden.
Die zum Schillerplatz zeigende Giebelfront des Fruchtkastens ist ein Meisterwerk Heinrich Schickardts. Im Jahr 1596 errichtete der Baumeister diese Fassade, indem er das Gebäude einer bereits zuvor im Jahr 1578 errichteten Kelter um einige Meter kürzte. Ziel war, die Gebäudeflucht des Chores der benachbarten Stiftskirche aufzunehmen, um gerade Platzbegrenzungen beim Schillerplatz zu schaffen.
Der Prinzenbau befindet sich zwischen dem Fruchtkasten und der Alten Kanzlei. Herzog Friedrich I. beauftragte Schickardt, ein sogenanntes Gesandtenhaus (also ein Hotel für Staatsgäste) zu bauen. In den Jahren von 1604-08 wurden der heute noch vorhandene riesige Gewölbekeller und das erste Stockwerk erbaut. Der Tod Friedrichs I. und der dreißigjährige Krieg ließen jedoch zunächst einmal eine Bauruine zurück. Das Gebäude wurde erst nach dem Tod Schickardts in den Jahren 1663-78 vollendet. Heute residiert hier das Justizministerium des Landes.
Die Alte Kanzlei begrenzt den Schillerplatz auf der Nordostseite. Dieses Gebäude wurde bereits vor der Geburt Schickardts in den Jahren 1542-44 erbaut. Auch hier liegt ein Meisterwerk der Renaissance vor. Die Alte Kanzlei war das Verwaltungszentrum des Herzogtums Württemberg. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Heinrich Schickardt hier ein- und ausging, um seine Baupläne mit den herzoglichen Beamten zu besprechen.
Im März 2012 setzen wir den Spaziergang auf den Spuren von Heinrich Schickardt in Stuttgart fort.

Kommentare:

  1. Tja, als treuer leser Ihres Blogs kann ich Ihnen nur zustimmen!

    Fahren wir auf der Autobahn, so sehen sehen wir hin und wieder "Himweistafeln" auf "Romatische Altstadt", "Historische Altstadt" usw...

    Schon jemals irgendwo gesehen: "modernes Zentrum" usw...

    Seltenst lesen wir in Reiseprospekten (oder live auf Reisemessen!) von Städtetouren zu modernen Gebäuden....

    Ich bin kein Architekturkenner (vermute Sie als "Architekt" oder Baungenieur....) - die Weissenhofsiedlung in Stuttgart ist sicher sehenswert - aber es ist m.E. durchaus diskussionswürdig, wohin uns diese "Archtitekturgedanken" geführt haben. Ich sehe sehr wohl die Notwendigkeiten industrielllen Bauens, aber die einfallslose "Betonklotzarchitektur" , die man z.B. in Stuttgart hinter dem Bahnhof bewundern kann (LBBW u.a.) - was würden da "Gropius" u.a. dazu sagen?
    Danke für die Anregungen zu diesen "Wanderungen" in Zeiten großen Zorns angesichts der "Zerstörungspflicht der Bahn" ;-))

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  2. Vielleicht noch eine kleine Ergänzung zu Ihrem Beitrag:
    http://www.bildindex.de/
    hier kann man nach alten Bildern/Ansichten schauen, d. h. sah es mal aus!

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