Montag, 15. April 2013

Bülow-Carre Lautenschlagerstraße - kein Ruhmesblatt für die Stuttgarter Innenstadt

Stuttgart wurde bekanntlich mehrfach zerstört. An die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg schlossen sich weitere Zerstörungen an, die im Zuge des Wiederaufbaus gemacht worden sind. 

Als dritte Epoche der Zerstörung kann man die Zeit ab den Neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts identifizieren. Damals begann das, was man gemeinhin mit dem Begriff Globalisierung bezeichnet. Das hatte auch Auswirkungen auf die Stadtplanung und auf die Architektur, die weltweit immer einfacher, langweiliger und austauschbarer geworden ist.

Längst gibt es jedoch in vielen Städten Gegenbewegungen bei Architektur und Stadtplanung. Es werden historische Gebäude und sogar ganze Gebäudegruppen wiederaufgebaut. Und es wird bei den Neubauten darauf geachtet, dass sie die architektonische Identität einer Stadt weiterführen.

In Stuttgart ist von all dem noch nichts angekommen. Der Niedergang der Stadt in architektonischer und städtebaulicher Hinsicht geht unverdrossen weiter. Auch der Grüne OB hat hieran bisher nichts ändern können.

Ein herausragendes Negativbeispiel für Architektur und Stadtplanung ist das sogenannte Bülow-Carre zwischen der Lautenschlagerstraße und der Stephanstraße sowie zwischen dem Hauptbahnhof und dem Schlossplatz. Der Bau dieses neuen Gebäudes geht in diesen Tagen seiner Vollendung entgegen. Das neue Gebäude prägt die Straßenräume auf weite Strecken. Die für das Gebäude verwendeten Fassadenmaterialien (Glas und Stahl) sowie die Fassadenfarbe (Grauschwarz) sind eine Katastrophe.


Kein Ort zum Wohlfühlen: Bülow-Carre in Stuttgart`s Lautenschlagerstraße
Jede Stadt hat eine Identität bei der Architektur. Diese Identität leitet sich aus den Baustoffen in der Umgebung ab, die für die Gebäude verwendet worden sind. Was ist eigentlich die Stuttgart-Identität in Bezug auf die Gebäudefassaden? Was die Materialien betrifft, herrscht die Steinfassade vor. Was die Farben betrifft, herrscht eine Farbpalette von Gelb über Ocker bis nach Rot vor. Diese Farbpalette kommt von den Bausteinen der Keuper- und Muschelkalkformation, die in der Umgebung von Stuttgart anstehen. Das neue Gebäude des Bülow-Carres hat nichts von alldem zu bieten. Es besitzt eine internationale, eine globalisierte, eine identitätslose Fassade - noch dazu in der Trauerfarbe Schwarz.

Blick von der Lautenschlagerstraße auf das neue Bülow-Carre (links) und das Gebäude, das Bestandteil des alten Hauptbahnhofs bei der Bolzstraße ist. Das Gebäude rechts ist Stuttgart-gerecht, das Gebäude links hat eigentlich in Stuttgart nichts zu suchen. In der Bildmitte sieht man eine Passage, mit der die Fußgänger zukünftig aus der Königstraße über die bestehende Gloria-Passage zur Stephanstraße und dann weiter zur Lautenschlagerstraße gelangen sollen. Eigentlich keine schlechte Idee, aber mit dieser architektonischen Ausführung zum Scheitern verurteilt. 
 
Gebäude in der Lautenschlagerstraße: gäbe es mehr Gebäude dieser Art in Stuttgart, wäre die Stadt fast so schön wie Paris.
 
Neues Gebäude des Bülow-Carres (rechts) und Gebäude der ehemaligen Oberpostdirektion (links): auch das Gebäude links im Bild hat eine Stuttgart-Identität.
Nun könnte man vielleicht einwenden, dass ein architektonischer Kontrapunkt doch gar nicht so schlecht ist. Schließlich gibt es auch in Paris z.B. das Centre Pompidou, das in starkem Kontrast zum sonst vorhandenen Baustil steht. Oder es gibt in Graz z.B. das Kunsthaus, das so ganz anders aussieht als die Häuser der Umgebung und das sogar zum Wahrzeichen von Graz geworden ist.


Der Einwand führt jedoch in Bezug auf Stuttgart ins Leere. Wenn man einen architektonischen Kontrapunkt setzen will, hat das zur Voraussetzung, dass etwas da ist, gegen das man den Kontrapunkt setzen kann. Und diese gewachsene Bebauung, diese Bebauung mit Stuttgart-Identität ist in dieser Stadt kaum mehr vorhanden. Von daher ist das Bülow-Carre kein architektonischer Kontrapunkt, sondern eine erneut verpasste Chance, Stuttgart wieder mehr zu einer Identität zu verhelfen. 

  
Planung (Bild oben) und Realität (Bild unten): Die im Planungsbild gezeigte Dachkrempe gibt dem Gebäude ein wenig großstädtisches Flair. Nicht einmal das ist jedoch in der Realität vorhanden, wie das Bild unten zeigt.
Wenn das so weitergeht, wird es nichts mehr mit einem attraktiven Stuttgart. Und es sage niemand, dass die politischen Vertreter hier machtlos sind. Der Gemeinderat und der Baubürgermeister könnten sehr wohl mehr und besseren Einfluss auf die Architektur und die Stadtgestaltung in Stuttgart nehmen. Aber leider herrscht hier Fehlanzeige.


Wie kommt man hin?
Vom Hauptbahnhof folgt man der Lautenschlagerstraße bis zur Einmündung der Thouretstraße (ca. 300 Meter). Dort steht man an der Ecke vor dem neuen Bülow-Carre. Man kann das Carre nun im Verlauf der Thouretstraße, der Stephanstraße, der Bolzstraße und der Lautenschlagerstraße umrunden (ca. 450 Meter).      

Hier gibt es eine Übersicht über den Stadtbezirk Stuttgart-Mitte. Von dort sind alle Artikel in diesem Blog, die sich mit dem Stadtbezirk Stuttgart-Mitte befassen, verlinkt.     

1 Kommentar:

  1. Sie haben völlig recht...am Esten,man bleibt zuhause und verzichtet auf einen Besuch in Stuttgart!
    Stuttgart verkommt...aber anscheinend stört es nur wenige Menschen...

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