Samstag, 19. März 2016

Städtebau-Sünden an der Karlshöhe in Stuttgart-West

Am 27.02.2016 gab es die ersten Pressemeldungen, wonach der Versicherungskonzern Allianz seine beiden Niederlassungen im Stuttgarter Talkessel schließen und bei Stuttgart-Vaihingen neu bauen will. Vom Umzug sind ca. 4.000 Mitarbeiter betroffen.

Die Allianz ist zur Zeit in Stuttgart im Gebiet Charlotten-/ Olga-/ Urban- und Archivstraße sowie im Gebiet Reinsburg-/ Silberburgstraße ansässig. Während der Gebäudekomplex bei der Charlottenstraße aus städtebaulicher Sicht durchaus in Ordnung ist und eigentlich keiner Veränderung bedarf, wird das Hochhaus an der Reinsburgstraße in Stuttgart-West seit jeher als Bausünde angesehen. Der Umzug der Allianz nach Stuttgart-Vaihingen (voraussichtlich im Jahr 2020) könnte die Chance bieten, diese Bausünde an der Reinsburgstraße abzureißen und das Gebiet passend zur gründerzeitlichen Bebauung in Stuttgart-West neu zu bebauen. 


Das in den Jahren 1971-74 errichtete Bürohochhaus der Allianz an der Reinsburgstraße atmet den Geist der Sechziger Jahre (die Zeit, als in Stuttgart z.B. auch die Stadtautobahnen in Mode waren) und lässt jegliches städtebauliche Einpassungsvermögen vermissen. Das Hochhaus riegelt die Parkanlage Karlshöhe gegen den gründerzeitlichen Stadtbezirk Stuttgart-West ab. Die später von 1980 bis 1990 errichteten Gebäude der Allianz zwischen der Charlotten- und der Archivstraße stellen im Vergleich zum Bürohochhaus an der Reinsburgstraße einen großen architektonischen und städtebaulichen Fortschritt dar.

Es gibt in dem Gebäudeensemble an der Reinsburgstraße jedoch auch einen Prachtbau von 1899-1900 (Ecke Silberburgstraße). Das Gebäude ist im Stil des Späthistorismus erbaut (neobarock) und fügt sich trotz seiner Größe gut in die gründerzeitliche Blockstruktur von Stuttgart-West ein.

Der neobarocke Versicherungspalast mitsamt den im Jahr 1912 erbauten rückwärtigen Erweiterungsbauten muss selbstverständlich stehen bleiben. Ansonsten ist es wünschenswert, dass das Hochhaus von 1971-74 abgerissen wird und durch eine Blockrandbebauung entlang der Reinsburgstraße ersetzt wird, die zudem den Durchblick von der Hermannstraße auf die Karlshöhe und umkehrt von der Karlshöhe auf die Bebauung von Stuttgart-West zukünftig wieder zulässt.

Im Gebiet unterwegs
Wenn man die städtebauliche Situation einmal näher betrachten will, empfiehlt sich der folgende Spaziergang:

Man fährt mit der Stadtbahn bis zur Haltestelle Schloss-/Johannesstraße in Stuttgart-West. Von dort folgt man der Johannesstraße bis zur bereits von der Haltestelle aus sichtbaren Johanneskirche. Je nach Blickwinkel sieht man hinter der Johanneskirche bereits das Allianz-Hochhaus aufragen. Bei der Johanneskirche geht man bis zum Ufer des Feuersees.

Man umrundet nun den Feuersee auf der Westseite und kommt zur stark befahrenen Rotebühlstraße. Eine oberirdische Querungsmöglichkeit der Straße ist hier nicht vorhanden. Es gibt jedoch eine Fußgängerunterführung im Zusammenhang mit dem unterirdischen S-Bahnhaltepunkt Feuersee. Mit Hilfe dieser Fußgängerunterführung kommt man auf die andere Seite der Rotebühlstraße.

Nun folgt man der Rotebühlstraße wenige Meter Richtung Innenstadt und biegt bei erster Gelegenheit nach rechts in die Hermannstraße ab. Der Hermannstraße folgt man bis zu ihrem Ende bei der Reinsburgstraße. Dort biegt man in die Reinsburgstraße nach rechts ab. Nach der Einmündung der Senefelderstraße sieht man auf der linken Straßenseite der Reinsburgstraße einen Weg, der hinauf in die Parkanlage Karlshöhe führt. Man folgt diesem Weg in Kehren aufwärts. Die Steigung endet bei einer Plattform. Hier wendet man sich nach links und geht am Pallas-Athene-Brunnen vorbei. 

Nach einem kurzen Anstieg senkt sich der asphaltierte Wege wieder und führt mit einer Kehre hinab. Man kommt zwischen der Villa Gemmingen (rechts) und dem Allianz-Hochhaus (links) durch und erreicht die Silberburgstraße. Hier wendet man sich nach links und folgt der Silberburgstraße am Prachtbau von 1899-1900 vorbei bis zur Kreuzung Rotebühl-/Silberburgstraße. Dort befindet sich ein Abgang zum S-Bahnhaltepunkt Feuersee.

Die beschriebene Wegstrecke von der Stadtbahnhaltestelle Schloss-Johannesstraße über die Karlshöhe bis zum S-Bahnhaltepunkt Feuersee ist ca. 2 Kilometer lang.

Siehe auch:
Spaziergang auf die Stuttgarter Karlshöhe im Post vom 16.05.2011 in diesem Blog

Hier gibt es eine Übersicht über den Stadtbezirk Stuttgart-West. Von dort sind alle Artikel in diesem Blog, die sich mit dem Stadtbezirk Stuttgart-West befassen, verlinkt.
Blick von der Johanneskirche über den Feuersee hinweg in die Hermannstraße in Stuttgart-West: Ein riesiges Gebäude schließt die Hermannstraße ab und verhindert einen Blick auf die Karlshöhe.
Blick von der Hermannstraße auf das Hochhaus der Allianz an der Reinsburgstraße
Blick von der Hermannstraße in Richtung Karlshöhe, die durch das Hochhaus der Allianz verdeckt wird
Entlang der Reinsburgstraße ist zur Zeit längst nicht überall eine Bebauung vorhanden. Nach einem eventuellen Abriss des Hochhauses könnten die Parkplätzfläche rechts im Bild und der größere Teil der Grundfläche des heutigen Hochhauses im Rahmen einer Blockrandbebauung bebaut werden. Im Gegenzug darf es gegenüber der Einmündung der Hermannstraße in die Reinsburgstraße keine Bebauung mehr geben, damit man von der Hermannstraße zukünftig auf die Karlshöhe blicken kann.
Blick von der Karlshöhe in Richtung Nordosten: Rechts im Bild sieht man einen Teil der Villa Gemmingen (1910/11). In der Bildmitte sieht man das Hochhaus der Allianz an der Reinsburgstraße.
Blick von der Karlshöhe bei der Villa Gemmingen in Richtung des Allianz-Hochhauses
Im Jahr 1912 wurden rückwartig an den neobarocken Versicherungspalast an der Silberburgstraße weitere Gebäude errichtet. Diese Gebäude am Rand der Karlshöhe sind wie auch der neobarocke Palast maßstäblich und müssen selbstverständlich erhalten bleiben.

1 Kommentar:

  1. Das Gebäude an der Uhlandstraße (das neu angebaute) ist in meinen Augen noch viel hässlicher als das hier thematisierte Hochhaus und steht in punkto Hässlichkeit für mich in einer Reihe mit dem Schwabenzentrum! Schön wäre der freie Blick von / zur Karlshöhe natürlich trotzdem.

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